.Glyphosat- verbieten oder nicht? oder: Sind Insekten auch Verbraucher?


Wie für so vieles heute gilt auch im Fall Glyphosat: nur sehr wenige Menschen, wenn überhaupt, kennen die Faktenlage, die für eine Pro oder Kontra-Entscheidung notwendig ist. Man lebt von den Informationen, die Wissenschaftler zur Verfügung stellen und die anschließend von der Gesellschaft kommuniziert werden. Dabei spielen unterschiedliche Interessen vermutlich die entscheidende Rolle. Für Umweltorganisationen steht die Sorge um den Erhalt der Lebensgrundlagen im Mittelpunkt, während für die Landwirtschaft und insbesondere für die Agrarindustrie das wirtschaftliche Interesse (im Rahmen gesetzlicher Vorgaben) im Fokus stehen dürfte.
Die WHO-Krebsforschungsagentur stuft Glyphosat als „Wahrscheinlich krebserregend“ ein, das Bundesinstitut für Risikobewertung wertet: „nicht krebserregend“. Dabei unterscheiden sich laut ZEIT (09.11.17) die Prüfmethoden. Zitat: “So kann es zu Einschätzungen kommen, die unterschiedlich klingen, aber einander nicht widersprechen. Weil etwa Glyphosat prinzipiell Krebs auslösen könnte, aber nicht in den Mengen, mit denen Verbraucher damit in Kontakt kommen“.
Vor dem Hintergrund des Insektensterbens stellt sich die Frage: Sind Insekten Verbraucher?
Der ZEIT-Artikel endet mit dem Satz: “Ob die Prüfer Glyphosat am Ende richtig einschätzen, wird sich womöglich erst in Zukunft zeigen“
Nicht erst seit dem Abgasskandal und den kürzlich aufgetauchten Paradise-Papers ist mein Vertrauen in „Kapital“ und Vertreter der Groß-Industrie „getrübt“. Und so schwingt auch im Fall Glyphosat die Frage nach dem Einsatz von Kapital als „Bewertungsunterstützer“ leise aber deutlich hörbar in meinen Gedanken mit.
Mein Fazit: Kontra aus Gründen des Vorsorgeprinzips.
12.11.2017

Offener Brief an den ZEIT-Redakteur Bernd Ulrich



31.10.2017
Sehr geehrter Herr Ulrich,
bereits in der ZEIT-Ausgabe vom 27.7.2017 haben Sie deutliche Aussagen über das gesellschaftliche Fehlverhalten zum Thema Ökologie formuliert. In der aktuellen Ausgabe setzen sie diese längst überfällige Form der medialen Berichterstattung unter dem Titel „Die Wahrheit auf sechs Beinen“ fort. Sie kritisieren darin am Beispiel des Insektensterbens die praktizierte Politik des breiten Konsens und der mittleren Vernunft, die dazu führt, dass erkannte Probleme nicht in der sachlich gebotenen Konsequenz behandelt werden.
In der gleichen Ausgabe beklagt die Chefin des Umweltbundesamtes, Maria Krautzberger, dass die Medien lediglich über Themen mit relevanten Neuigkeitswerten berichten. Damit fehle der Druck auf die Politik, denn, Zitat: „Die Politiker nehmen ein Problem sehr viel ernster, wenn es in den Medien eine Rolle spielt.“
Wenn Sie nun das Versagen der Politik beim Phänomen des Insektensterbens feststellen, dann sollten Sie auch den Medienaspekt von Frau Krautzberger nicht unerwähnt lassen. Seit Jahrzehnten wissen wir um die Folgen unseres menschlichen Handelns. Der Trend weist lange schon in Richtung ökologische Katastrophe, ohne dass die Medien der Bedrohung entsprechend berichtet hätten. Deshalb kann man Ihren gemeinsam mit Frau Prinzler verfassten Artikel sehr begrüßen und auf eine kontinuierliche Themenfortsetzung hoffen. Dabei erscheint es besonders wichtig, Zusammenhänge menschlichen Handeln und den ökologischen Auswirkungen aufzuklären. Das betrifft besonders Berichte aus der Wirtschaftsredaktion. Hier wird nur selten und wenig kritisch auf die Verbindung zwischen Ökologie und Ökonomie eingegangen. Und mit etwas Mut, könnte man beispielsweise das von der Zielstellung des 3-Säulen-Gleichgewichts „Ökologie-Soziologie-Ökonomie“ abweichende real existierende Primat der Ökonomie als eine Ursache der ökologischen Katastrophe identifizieren. Ähnliches gilt für den irrtümlich als Freiheitsymbol verstandenen, stark ressourcenverbrauchenden Individualverkehr.
Seien Sie bitte weiterhin konstruktiv wütend im Sinne von „Die Wahrheit auf sechs Beinen“.
Mit freundlichen Grüßen 
Peter Vollmer